Tristan Besser ist Deutschlands bester Auszubildender zum Industrieelektriker (Fachrichtung Betriebstechnik). Der 20-Jährige hat seine Ausbildung im Berufsbildungswerk der Josefsheim gGmbH in Olsberg-Bigge mit Bravour absolviert und sagt: „Ich bin mega dankbar, glücklich und auch stolz.“ Denn einfach war sein Weg durch Leben und Ausbildung mit einer autistischen Entwicklungsstörung nicht.
Der gebürtige Wuppertaler ist der einzige Auszubildende aus der Region Hellweg-Sauerland, der mit weiteren 211 jungen Menschen heute, 8. Dezember, in Berlin von der DIHK für seine herausragenden Leistungen in der Abschlussprüfung ausgezeichnet worden ist und damit zu den besten Azubis Deutschlands gehört.
Der Weg dahin war für Tristan Besser kein gewöhnlicher: Im Alter von acht Jahren kam er zum ersten Mal in eine Wohngruppe und lebte seit 2015 in einer betreuten Wohneinrichtung der Jugendhilfe Olsberg. „Ich ticke anders als andere“, sagt Tristan Besser über sich selbst. „Ich brauche feste Strukturen und wenn ich mich aufrege, lande ich schnell in einem Overload. Das ist dann als würde in meinem Kopf eine Sicherung herausfliegen.“
Seinen Hauptschulabschluss hat er an der Roman-Herzog-Schule in Brilon absolviert und über verschiedene Praktika konnte er seine Begeisterung für die Elektrotechnik entdecken. „Mich interessiert, wie die Dinge funktionieren“, erzählt er. Nach einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme (BvB) im Berufsbildungswerk Bigge der Josefsheim gGmbH absolvierte er eine zweijährige Ausbildung als Industrieelektriker.
Potenzial sofort erkannt
„Ich habe sofort Tristans Potenzial gesehen“, berichtet Ausbilder Michael Hamann. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte der heute 20-Jährige direkt die Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik begonnen. Doch diese Vorstellung hat Tristan Besser überfordert: „Ich hatte immer Angst, dass ich es nicht schaffe. Deshalb wollte ich erstmal mit dem Industrieelektriker beginnen.“
In dieser Zeit lernte er unter anderem wie Licht- und Steckdosenstromkreise sowie Motorsteuerungen funktionieren, wie Schaltpläne zu lesen sind, wie Steuerungen programmiert und verdrahtet werden, wie defekte Geräte repariert und wie Prüfungen und Messungen an elektrischen Anlagen durchgeführt werden. Mehrere Wochen hat Tristan Besser zudem, während eines Praktikums, in einem Unternehmen in Brilon gearbeitet.
Insgesamt aber fand seine Ausbildung in dem geschützten Raum des Berufsbildungswerkes statt: Wenige Azubis, individuelle Betreuung z. B. durch die Autismusberater:innen der Fachstelle Autismus, kleine Berufsschulklassen. „Für jemanden wie Tristan, der an einer autistischen Entwicklungsstörung leidet, ist das sehr wichtig, denn er kann Umgebungsgeräusche und Eindrücke schlecht filtern. Diese prasseln ungebremst auf ihn ein und stören seine Konzentration“, berichtet Michael Hamann. Er bildet seit elf Jahren in der Elektrowerkstatt junge Menschen mit unterschiedlichen – oft psychischen – Beeinträchtigungen aus und weiß um die besonderen Herausforderungen. „Wir müssen individuell auf sie eingehen“, sagt Hamann. Doch er betont auch: „Unsere Auszubildenden sollen lernen, Verantwortung zu übernehmen und selbstständig zu arbeiten. Dafür führe ich sie auch schonmal an ihre Grenzen. Wir funktionieren hier als Team. Ich gehe auf die Bedürfnisse der jungen Menschen ein und erwarte umgekehrt aber auch, dass sie mitziehen und Leistung erbringen“. Damit das funktioniert, schlägt Hamann auch ungewöhnliche Wege ein. „Wir gehen zusammen nach draußen, laufen an der frischen Luft und wir gehen einmal in der Woche schwimmen. Das macht den Kopf frei und wer möchte, kann überschüssige Energie oder sogar Wut am Wasser auslassen.“ Diese Aktivitäten haben zudem den positiven Nebeneffekt, dass der Krankenstand sehr niedrig sei, so Hamann.
Nächster Schritt: Elektroniker für Betriebstechnik
Schon öfter in der Vergangenheit gehörten Auszubildende des Berufsbildungswerks in unterschiedlichen Berufen zu den besten Auszubildenden auf Kreisebene. „Aber das einer von ihnen zu den besten Auszubildenden in Deutschland gehört und zur Bundesbestenehrung der DIHK nach Berlin reisen darf, das hat es noch nie gegeben“, freut sich Michael Hamann mit Tristan Besser. Dabei hatte der Ausbilder schon während der Ausbildung das Gefühl, dass der angehende Industrieelektriker ein sehr gutes Ergebnis erzielen könnte. Tristan selbst zweifelte bis zum Schluss. „Sogar während der praktischen Prüfung habe ich immer wieder gesagt: Ich schaffe das nicht“, berichtet er. „Ich neige zum Overthinking. Während der Prüfung habe ich jeden Draht und jede Schraube zwei- oder dreimal überprüft“. Als Nachteilsausgleich hat Tristan Besser für seine Prüfungen 20 Prozent mehr Zeit bekommen. „Die hat er aber gar nicht gebraucht“, berichtet Michael Hamann.
Die Freude über seine fantastische Leistung war bei allen groß: Bei Tristan, bei seinem Ausbilder und bei seiner Familie. „Meine Mutter hat sich sehr gefreut und mir gesagt, dass sie sehr stolz auf mich ist“, sagt der junge Industrieelektriker, der es manchmal selbst kaum glauben kann, was er alles geschafft hat: Er hat eine Berufsausbildung abgeschlossen und lebt inzwischen in einer eigenen Wohnung in Olsberg. „Und ich erlebe gerne etwas: Ich setze mich dann in den Zug, fahre irgendwo hin und schaue mir verschiedene Orte an, zum Beispiel die Zeche Zollverein im Ruhrgebiet“, berichtet er. Und Tristan Besser macht weiter: Jetzt hat er seine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik begonnen. Dafür muss der 20-Jährige den geschützten Raum des Berufsbildungswerkes verlassen, denn der Unterricht findet regulär in der Berufsschule Berliner Platz in Arnsberg statt. Doch Tristan Besser blickt positiv auf diese Herausforderung, denn das ist ein gutes Training für die reale Arbeitswelt: „Später“, sagt er, „würde ich gerne in einem Unternehmen arbeiten.“